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Braune Muschel - ZiericonEin kleines blaues Haus

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Ein kleines blaues Haus


Es ist ein kleines Haus. Nichts besonderes. Ein Haus von der Stange, das sich quadratisch und praktisch einduckt, in seine Nische zwischen Apartment-Blocks und Einfamilienhäusern, die um das gewisse Etwas größer sind.

Der Garten rundherum, ist tatsächlich kaum mehr als ein Handtuch, und kann, um die Mitte gewickelt, nicht verdecken, dass es sich hier kaum um Modelmaße handelt. Neu angelegt war der Garten ganz proper, abgedruckt in „Heim und Garten“: „auch aus kleinen Gärten lässt sich etwas machen.“ Der moderne Touch, nicht ganz gelungen, waren Pflanzrondelle aus Beton gegossen anstelle eines Zauns. Beton, und wenn auch noch so elegant geformt, sieht eben aus wie Beton, und nicht wie Naturstein.

Aber es ist blau.

Die Extravaganz, die auch ein kleines Haus, Modell Nr. 57b im neuen Katalog, Haus „Bella“ – genießen Sie italienischen Flair auf Ihrer Terrasse – sich leisten kann: wenigstens ein bisschen Farbe. Also: ein helles blau auf weißem Grund. Blaue Roll-Läden und ein Streifen um die Fenster der ein klein wenig dunkler ist. Mehr himmelblau als puderblau.

(Den Kindern war das egal; die Nähe zum örtlichen Fußballplatz war viel entscheidender. Ja, ja, Jungs in dem Alter…)

Darum aber auch der Lavendel, und nicht die anspruchslosen Zierhagebutten, die man aus den öffentlichen Parkanlagen kennt, auch wenn diese den Jungs besser gefallen hätten, wegen des Juckeffekts ihrer Samen auf dem Rücken, gekonnt durch den Ausschnitt des Kontrahenten appliziert. (Und das matschig-schmatzende Geräusch beim Zertreten! Und der Fleck aus rotem Fruchtfleisch und zartgelben Kernen!)

„Ein richtiges Daheim,“ sagt sie, und lächelt.
Und er auch.

Ein kleines, blaues Haus, mit einer Hecke aus Lavendel, in einer kleinen Nische aus Bubenlachen und dem Röhren des Rasenmähers des Nachbarn schräg gegenüber. In den Fenstern handgehäkelte, frisch gestärkte Gardinen von der Großmutter, ein Geschenk zum Einzug. Auf der Terrasse Terrakotta-Töpfe, die auf Kräuter warten: Thymian, Rosmarin, Minze, und auf jeden Fall Zitronenmelisse, weil sie so wunderbar duftet.

Dann sind auf einmal die Vorhänge weg, und die Jungs auch. Es ist Sommer und der Lavendel blüht und duftet. Schmetterlinge und Bienen laben sich daran, und an dem Topf mit Zitronenmelisse, der vergessen wurde, weil ein Kind ihn in die Ecke hinter der Terrasse gestellt hat. Im Herbst sind die Blüten der Lavendelhecke getrocknet, aber nicht geerntet. Und die Zitronenmelisse ist vertrocknet, weil niemand sie gegossen hat.

„Scheidung,“ brummt der Nachbar mit dem Rasenmäher.
„Nein,“ sagt seine Frau. „Er hatte Krebs und ist gestorben.“

Im nächsten Frühjahr sind drei Lavendelpflanzen tot. Zwei im Winter erfroren, die dritte hat es nicht geschafft sich durch die toten Triebe des letzen Jahres wieder ans Sonnenlicht zu kämpfen. Der Rest der Hecke treibt aus, wie’s wieder auswärts geht: hell-samtene Blätter und Rispen, die Blüten versprechen, blau, blauer noch als das kleine Haus, und duften werden sie!

„Die werden nie ’nen Käufer finden,“ sagt der Nachbar, während er den Rasen düngt. Seine Frau, mit dem Hochbeet beschäftigt, nickt.
„Bei den Immobiliepreisen wird das wohl ’ne Weile leer stehen.“

Im Sommer sind die Lavendelpflanzen zu Büschen herangewachsen, und sie sind so blau, so blau, so duftend blau, dass sich der Sommerhimmel, der Sommerferien- und Augusthimmel, Mühe geben muss, um mitzuhalten. Der Rest des Gartens verwahrlost, Büsche bleiben ungeschnitten, im Hochbeet wachsen Disteln. Ein paar Jungs klauen Steine aus der Mauer des Hochbeets, aber die Pflanzkübel mit dem Lavendel sind in den Boden eingelassen. Einmal wird jemand vom Maklerbüro zum Mähen geschickt, und um das Unkraut in den Fugen des Carports zu entfernen. Die Spinnweben im Fenster zur Straße putzt er nicht weg, aber er lässt das Rollo herunter.

Im Herbst sieht der Nachbar, wie eine Familie das Haus besichtigt. Ihr Auto ist aber ein schneidiger BMW, und er weiß von Anfang an, genau wie die Mitarbeiterin vom Maklerbüro, dass die keinen Vertrag über ein kleines, quadratisches, blaues Haus unterschreiben werden.

Der Winter ist kalt, und auf der Terrasse springt eine Fliese. Der Topf, in dem einmal Zitronenmelisse duftete, zerplatzt, voll gesogen mit gefrierendem Wasser. War halt ein Billigfabrikat. Das Maklerbüro hat vergessen, jemanden zum zurückschneiden der Büsche und Lavendelpflanzen zu schicken. Aber Lavendel ist zäh, zäher als Terrakotta-Töpfe und Terrassenfliesen. Nur eine Pflanze übersteht den Winter nicht.

In diesem Jahr ist der Frühling ein Löwenzahnfrühling, mit der Wiese gelb-golden von einem Tag auf den anderen, und dann, kurze Zeit später, weich und weiß mit fliegenden Samen, auch wieder, von einem Tag auf den anderen. Und der Nachbar schimpft, weil er allergisch ist. Und der Lavendel treibt wieder aus, hoffnungsvolle Blütenrispen, blau schimmerend in sanftem Grün. Der blaue Anstrich des Hauses ist ein wenig blasser geworden, im Wechsel der Jahreszeiten. War wohl doch kein Markenprodukt, die Farbe. Aber es ist immer noch das einzige blaue Haus in der Siedlung.

Was für ein Lavendelsommer! Die Hitze saugt sich voll mit diesem blauen Duft, Spaziergänger und Schmetterlinge werden ganz trunken davon. Aber es sind mehr Disteln im Hochbeet, und diesmal muss das Maklerbüro zweimal jemanden schicken, um dem Unkraut Herr zu werden. Aber niemand vereinbart einen Besichtigungstermin. Das kleine Haus bleibt allein mit Spinnweben, Staub und Lavendelduft, und es sind andere Jungen, die durch den Garten schleichen, um Steine aus der Mauer des Hochbeets zu klauen.

„Du kannst doch da nicht einfach den Lavendel abpflücken!“
„Ja aber da wohnt doch keiner…“
„Trotzdem, das geht nicht.“

Noch eine letzte Rispe, ins oberste Knopfloch gesteckt. Duftet blau, und nach Sommer.

„Ein Scheidungswaise.“
„Wer?“
„Das Haus da.“
„Ich dachte, er hatte Krebs. Ich hab ihn mal gesehen, da hatte er gar keine Haare mehr.“
„Aber die waren doch noch jung.“
„Ja. Furchtbar.“
„Zwei Kinder, Jungs glaub ich.“
„Ja, wenn ich mich richtig erinner‘. Furchtbar.“

Und es ist wieder Winter.

Dann hält ein Umzugswagen. Und ein kleines rotes Auto. Es wird getragen und geschleppt, gewischt und geputzt. Die Büsche werden gestutzt, gerade noch rechtzeitig. Aber mit dem Lavendel können sie nicht viel anfangen, und in dem Winter sterben noch mal zwei Büsche.

„Struppig sieht das aus! Was ist das überhaupt?“

Also Schluss mit lustig, der Lavendel muss weg.

Im Frühjahr stehen wieder Pflanzgefäße auf der Terrasse, und ein Sack mit Erde, und im Carport das kleine rote Auto.

Der Sommer kommt, und alle Leute kennen den Namen der neuen Nachbarn, und keine Lausbuben wagen sich mehr an das Hochbeet. Schmetterlinge fliegen, Biene suchen nach Blüten.

Das kleine blaue Haus hat Gardinen und eine Familie.

Aber Lavendel haben sie nicht wieder gepflanzt.


Foto von 'Stephantasy'

Blaue Muschel - ZiericonKontakt

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Weise Worte

“Der Traum ist die verborgene Tür in der Tiefe der Seele.”

—  unbekannt