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Braune Muschel - Ziericon Heute ist Weltalphabetisierungstag.

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Oder auf Englisch: “World Literacy Day”

Dieser von der UNESCO ins Leben gerufene Feiertag wird seit 1966 immer am 8. September begangen.

Banner der UNESCO zum Weltalphabetisierungstag 2009Wer meint, das Unvermögen lesen und schreiben zu können, sei ein Problem von Entwicklungs- und Schwellenländern oder armer Einwanderer, der irrt gewaltig.

Heutzutage schätzt man die Summe der funktionellen Analphabeten in Deutschland auf vier Millionen.

Zum Vergleich: Berlin, als größte Stadt Deutschlands hat ca. 3,4 Millionen Einwohner. Mit anderen Worten, mehr Menschen als in Berlin leben, können in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben.

Das ist doch eine ganze Menge.

(Auch wenn vier Millionen natürlich immer noch nur ein ganz kleiner Teil der gesamten Bevölkerung von Deutschland ausmachen.)

Und das in einer Zeit, in der Lesen und Schreiben durch die Bedeutung des Internets immer wichtiger wird.

Aber was soll es bringen, über Analphabetismus zu bloggen (wir können ja alle lesen und schreiben!)? Oder diese netten Fernsehreklamen, die fürs Lesen- und Schreibenlernen werben—wenn jemand nicht lesen und schreiben kann, wie soll er oder sie sich denn diese Telefonnummer und Adresse notieren?

Erstens:

Dieser Tag kann uns, die wir in der glücklichen Lage sind, die Fähigkeit lesen und schreiben zu können, als selbstverständlich zu erachten, daran erinnern, dass es eben nicht selbstverständlich ist lesen und schreiben zu können. Die Grundschulbildung, die uns ermöglicht hat, lesen und schreiben zu lernen, ist nicht selbstverständlich. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis diese Schulbildung in unserem Land zur Selbstverständlichkeit geworden ist. In vielen Ländern, und für viele Bevölkerungsschichten in vielen Ländern, ist diese minimale Schulbildung immer noch keine Selbstverständlichkeit. Insbesondere Mädchen werden immer noch vielfach vom Bildungszugang ausgegrenzt.

Lesen und schreiben zu können ist nicht selbstverständlich.

Die Tatsache, dass diese Fähigkeiten und die Möglichkeit, diese Fähigkeiten zu erwerben, uns selbstverständlich erscheinen, ist ein Privileg.

Daran sollte man sich hin und wieder erinnern.

Zweitens:

Es gibt Menschen, und zwar nicht in entfernten Krisenregionen, sondern hier, gleich nebenan, die nicht richtig lesen und schreiben können. Nicht unbedingt, weil sie intellektuell nicht in der Lage sind, dergleichen zu lernen, sondern weil sie irgendwann den Anschluss verpasst haben. Und ohne weitere Förderung, war es dann irgendwann zu spät.

Diese Menschen bleiben von vielem ausgeschlossen. Vom Arbeitsmarkt und staatlichen Unterstützungen, für die man Formulare ausfüllen muss, über die vielfältigen Möglichkeiten des Internets, bis hin zur Freude an einem Buch, an einer Geschichte oder einem Gedicht.

Nicht gerade ein Ruhmesblatt für eine Gesellschaft, vier Millionen Analphabeten. Auch wenn das im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung noch eine solide Quote sein mag.

Aus dieser Erkenntnis kann man durchaus Konsequenzen ziehen.

Zum Beispiel kann man bei der nächsten Wahl die Aussagen der Parteien zur Bildungspolitik mal unter die Lupe nehmen. Und seine Wahlentscheidung auch nach diesem Gesichtspunkt ausrichten.

Oder wenn es darum geht, für einen wohltätigen Zweck zu spenden. Warum nicht für Alphabetisierung? In Deutschland, oder weltweit.

Drittens:

Lesen und Schreiben ist mehr als nur nützliche Kulturtechnik.

Lesen und Schreiben ist eine Kunst. Nicht nur eine Kunstfertigkeit. Eine echte Kunst.

Lesen und Schreiben ist schön.

Lesen und Schreiben macht Spaß.

Ich erinnere mich noch genau, wie sehr ich mich gefreut habe, endlich lesen und schreiben zu lernen. Geschichten zu lesen, Geschichten zu schreiben. Für mich war das eins der ganz großen Wunder meiner Kindheit.

Und so ein Wunder ist auch noch siebenundzwanzig Jahre später ein Grund zum Feiern!

Also:

Lassen wir es heute mal nicht damit bewenden, berufliche Mails zu lesen und zu schreiben, der Sekretärin ein Diktat zu verabreichen, einen Geschäftsbericht zu studieren, einen Einkaufszettel zu schreiben.

Heute, am Welttag des Lesens und Schreibens, wie wäre es damit, zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Gedicht zu lesen? Einen Liebesbrief auf echtes Papier zu schreiben? Einem lieben Menschen etwas vorzulesen, was uns berührt hat?

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